Karl-Ludwig-von-Guttenberg-Grundschule

Auslesedruck macht Schüler krank
Der
Leiter des Heckscher-Klinikums für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Dr.
Freisleder, und BLLV-Präsident Wenzel fordern: „Kinder müssen von
Versagensängsten befreit werden“.
München - Der Auslesedruck an Bayerns Schulen führt
dazu, dass Kinder und Jugendliche krank werden können. Darauf haben der
Leiter des Heckscher-Klinikums für Kinder- und Jugendpsychiatrie,
Psychosomatik, Psychotherapie in München, Dr. Franz Joseph Freisleder,
und der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands
(BLLV), Klaus Wenzel, hingewiesen. Besonders schlimm ist die Situation
an den Grundschulen. Der Übertrittsdruck löst bei vielen Kindern
Stresssymptome wie Übelkeit, Bauchweh, Kopfschmerzen,
Konzentrationsprobleme oder Schlafstörungen aus. „Weil kindliche
Bedürfnisse zu wenig berücksichtigt werden, können in diesem
Zusammenhang Krankheitssymptome auftreten, die die Gesundheit von
Kindern nachhaltig gefährden“, warnten Wenzel und Freisleder. Der Druck
endet aber nicht mit der Grundschule, er setzt sich fort und begleitet
Heranwachsende während ihrer kompletten Schulzeit. Kinder, die den
Sprung auf ein Gymnasium oder in eine Realschule geschafft haben, wissen
genau, dass sie ausgesiebt werden, wenn ihre Leistungen nicht stimmen.
„Die Angst zu versagen, kann Kinder und Jugendliche krank machen. Damit
muss endlich Schluss sein“, forderten Wenzel und Freisleder.
Für den BLLV verlangte Wenzel Sofortmaßnahmen. „Unser Schulsystem zwingt
Lehrer und Eltern viel zu früh, eine Entscheidung über die schulische
Laufbahn ihrer Kinder zu treffen. Solange das so ist, sollte der
Elternwille frei gegeben werden. Das heißt: Die Eltern entscheiden über
die schulische Laufbahn ihres Kindes. Sie tragen auch die Verantwortung.
Die Grundschule begleitet und berät intensiv. Ferner muss garantiert
sein, dass in der Wahrnehmung von Eltern und Wirtschaft alle zur Auswahl
stehenden Schularten gleichwertig sind. Und es muss dafür gesorgt werden,
dass an jeder Schulart so intensiv gefördert werden kann, dass jeder
Schüler an der von ihm bzw. seinen Eltern gewählten Schulart verbleiben
kann.“ Grundsätzlich müssen Lehrer und Schüler so schnell wie möglich
vom Zwang der Auslese befreit werden. Im Mittelpunkt schulischer Arbeit
steht die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler. „Deshalb brauchen alle
Pädagogen mehr Zeit und alle Schüler mehr individuelle Förderung.“
Schon das im September vergangenen Jahres veröffentlichte Ergebnis des „Kinderbarometers“
ließ aufhorchen. Danach gaben über ein Drittel aller befragten Kinder
an, vor nichts größere Angst zu haben als vor Schulversagen. „Jeder weiß,
dass Angst bl ockiert und krank machen kann“, sagte Freisleder. Freilich
kann nicht die Behauptung aufgestellt werden, allein der Auslese- und
Übertrittsdruck würde Kinder krank machen. In der Regel kommen viele
Faktoren zusammen, vor allem dann, wenn Familien nicht funktionieren.
Der Druck in der Schule und die Angst, zu versagen, können aber bei
Kindern, die ohnehin angegriffen sind, Krankheitsbilder auslösen oder
bestehende verstärken. „Generell steht fest, dass die Erwartungen, die
heute an Kinder gestellt werden, immens sind.“
„Wenn in diesen Wochen der Countdown für den Übertritt beginnt, wird es
in vielen Kinderzimmern hoch emotional zugehen“, berichtete Wenzel. „Viele
Eltern halten ihre Kinder während dieser Zeit verstärkt zum Lernen an,
damit die Noten ausreichen. Was die Schule an Förderung nicht bieten
kann - weil Zeit und Personal fehlen - muss teuer erkaufte Nachhilfe
ersetzen. Am Ende fiebern Eltern und Schüler dem Termin regelrecht
entgegen. Die Frage des Übertritts bestimmt den Alltag. Sie nimmt
bisweilen hysterische und schicksalhafte Züge an. „Diese Wochen gehen
nicht spurlos an den Familien vorüber“, erklärte Wenzel. „Jeder, der
selber Kinder hat, weiß das.“ Auch Lehrer/innen geraten nicht selten in
ausweglose Situationen. In der Wahrnehmung vieler Eltern sind sie es,
die die Entscheidung über die Zukunft ihres Kindes fällen. Immer öfter
werden Fälle bekannt, in denen Eltern die Bewertung ihres Kindes
gerichtlich anzweifeln und den Übertritt mit allen Mittel erzwingen
wollen. In manchen Klassenzimmern herrscht ein regelrechter Kampf. Er
geht an die Substanz aller Beteiligten. „Niemandem ist hier ein Vorwurf
zu machen“, betonte Wenzel. „Die Eltern wollen für ihr Kind schließlich
nur das Beste. Diese Zuspitzung können Lehrerinnen und Lehrer nicht
entschärfen, weil Eltern am Königsweg festhalten - und der liegt im
Besuch eines Gymnasiums. Festzuhalten bleibt aber, dass letztlich alle
Opfer eines fragwürdigen und ungerechten Systems sind - Eltern, Lehrer
und Schüler.“
Freisleder wies darauf hin, dass Zig-Tausende Kinder privaten
Nachhilfeunterricht erhielten, damit sie den Sprung in das Gymnasium
oder wenigstens in die Realschule schafften. Somit verkürze sich ihre
Freizeit. „Wir wissen, dass viele Terminkalender haben, die so voll sind
wie bei einem Erwachsenen“, so Freisleder. „Für ungezwungenes Spielen
bleibt immer weniger Zeit.“
Die Gründe für die Nervosität und panische Angst von Eltern liegen auf
der Hand: Mehr denn je entscheidet der Bildungsabschluss über die Berufs-
und Lebenschancen. Die arbeitsmarktpolitischen und sozialen
Verteilungskämpfe verschärfen sich und verlagern sich mehr und mehr in
die Schule. „Jenseits ihres umfassenden Bildungs- und Erziehungsauftrags
fungiert die Schule als Sortieranstalt und teilt Kinder sehr früh in
Bildungsgewinner und Bildungsverliere r ein. Als „Gewinner“ gelten jene,
die in das Gymnasium wechseln. Der Standardabschluss, der heute
Voraussetzung ist für einen attraktiven Ausbildungsplatz, ist der
Realschulabschluss. Schüler mit Hauptschulabschluss haben die größten
Probleme, sich beruflich zu integrieren. Schon deshalb sind Hauptschüler
die Verlierer des Bildungssystems und wer den auch als solche angesehen.
Dort sammeln sich - so das Klischee - die „Ausgegrenzten“, „Absteiger“
und Kinder von Migranten. Zu den Verlierern des Systems zählen jährlich
rund 50. 000 Wiederholungsschüler, 15 bis 20 Prozent der Schulwechsler
und Schulabbrecher, 37 Prozent der Kinder, die sich in einer „armutsnahen
Lage“ befinden und vor allem jene acht Prozent der Schüler ohne
Schulabschluss.